Die traurige Großmacht

In seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ zeichnet Robert Menasse die EU als schwer fassbare und doch sehr reale Weltmaschine. Diese saugt unentwegt Menschen aus ihren Mitgliedsländern an und übersetzt deren vielsprachige Verhandlungen und Ideen in Verordnungen. Eine Maschine, die rattert und stockt und blinkt und schillert, ohne dass sich ein Anfang oder Ende so recht erkennen lassen. Die Hauptstadt Brüssel ist ihr Inbegriff.

Schon einmal war Brüssel die Hauptstadt eines amorphen wie rätselhaften Großreiches. Damit meine ich nicht den Staat Belgien, wo es eine eher eigentümliche Rolle spielt. Nein, sondern Brüssel als Zentrum des Burgunderreiches im Spätmittelalter. Die Herzöge von Burgund mit ihren schönen Beinamen wie „Ohnefurcht“, „der Gute“ oder „der Kühne“ fügten in nur drei Generationen ihrem Stammland ein Territorium nach dem anderen hinzu, wobei ihnen jedes Mittel von Erbschaft, Heirat und Kauf bis Eroberung recht war. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht beherrschten sie Teile von heute niederländischem, belgischem, französischem und luxemburgischem Staatsgebiet, von der Nordsee bis zu den Alpen.

Brüssels Hauptstadtkarriere begann mit diesem Burgunderreich, in dem die Untertanen je nach Region Französisch, Flämisch, Niederländisch oder Deutsch sprachen. An den Küsten dominierten Fischer, auf dem Lande Bauern und in den Städten die Kaufleute. Ein Reich mit vielen rivalisierenden Interessen, ohne Identität und Geschichte, heterogen und widersprüchlich und trotzdem oder grade deshalb eine wirtschaftliche Macht mit kultureller Strahlkraft. Als größte Innovation der Burgunder – und das mit Brüssel als Zentrum! – gilt ihre fortschrittliche Verwaltung.

Die Geschichte Burgunds war Thema meiner Examensklausur an der Kölner Universität. Gut vorbereitet stürzte ich mich in den Aufsatz, indem ich Seite auf Seite füllte, zu Erbfolge und Diplomatie, Hofkultur und Bürokratie. Aber je mehr ich schrieb, desto deutlicher spürte ich, wie mir die Fäden aus der Hand glitten. Die Herzöge waren mir immer sympathisch und ihr Patchworkreich als EU-Bürger vorbildhaft vorgekommen, aber das waren kaum wissenschaftliche Kategorien. Ihre historische Bedeutung blieb mir verschlossen, das erkannte ich jetzt, wo ich trockenen Mundes in der Prüfung saß.

Nach vier quälenden Stunden ließ ich Karl den Kühnen 1477 mit der modernsten Armee des damaligen Europa in einem Schneesturm gegen die Schweizer „Gewalthaufen“ vor Nancy untergehen. Das war effektvoll und auch nicht falsch, aber kein sonderlich analytischer Schluss. Auch wenn mich mein Professor diese Burgunder-Prüfung bestehen ließ, hat ihn der Haufen vollgekritzelten Papiers wenig überzeugt. Er urteilte kühl, dass ich zwar vieles gewusst und aufgezählt hätte, mir jedoch keine historische Synthese gelungen wäre. Er hätte auch sagen können: Der Kandidat ist am Burgunderreich gescheitert, so wie das Burgunderreich an sich selbst.

Mit dem Tod Karls des Kühnen ohne männliche Nachkommen war das Haus der Burgunder ausgestorben und ihr kurzlebiges Reich verloschen. Im europäischen Gedächtnis hat es kaum Spuren hinterlassen. Karls Wappenspruch „Ich habe es gewagt“ bekommt in diesem Licht einen eigenartig melancholischen Beiklang.