Die Engholm-Illusion

Aus Anlass von Helmut Kohls Tod stellte ich mir die Frage, wie wohl die 90er Jahre ohne die Schubladenaffäre verlaufen wären. Dann hätte Björn Engholm seinen Platz im Kanzleramt einnehmen können. Stil, Stimmung und Hauptfiguren des Jahrzehnts wären gänzlich andere gewesen. So hat man damals gehofft, denn Engholm war nicht nur bei uns Geschichtsstudenten umflort von der Aura eines Philosophenkönigs.

Für den kohlverdrossenen Teil der Deutschen war das eine außerordentliche Perspektive. Das lag nicht nur daran, dass Engholm gar nicht wie ein Politiker, sondern wie ein Denker und Kulturmensch, ein „politischer Flaneur“ daher kam. Optisch gewann er das Publikum mit vornehmen Gesichtszügen (den Kopf nachdenklich schräg gelegt), akustisch mit wohlgesetzten norddeutschen Dehnungsvokalen. So einer wohnte natürlich mit drei Frauen in einer Kieler Villen-Etage (Ehefrau und zwei Töchter), winzerte im eigenen Weinberg im Rheingau, zitierte Kant und Äsop, während er versonnen an seiner Bruyereholzpfeife sog. Ich stellte ihn mir gerne vor, wie er beim Schimmer des Cognac-Glases, über die Seiten einer historisch-kritischen Buddenbrooks-Ausgabe gebeugt, in leiser Wehmut sich selbst wieder erkannte.

Dem Gewerkschaftsmief seiner sozialdemokratischen Partei setzte Engholm einen Willen zu Stil und Form und die Freiheit zu Lebens- und Kulturgenuss entgegen. Er strahlte umso mehr, da die Welt um ihn herum zuvor im stinkenden Morast versackt war. Die Barschel-Affäre von 1987 übertraf alles, was die Bundesrepublik bis dahin an Machtmissbrauch in höchsten Ämtern erlebt hatte. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel wurde Opfer seiner eigenen Intrigen gegen Engholm, bis er in einer Genfer Badewanne ein ewig ungeklärtes Ende fand. Aus diesem Schurkenstück trat Björn Engholm ins Licht, schön und unschuldig, und forderte, die Regierenden hätten Beispiel und Vorbild zu sein. Wem wollte man das glauben, wenn nicht ihm, dem Kanzlerkandidaten der Herzen?

Aber dann machte er selbst den schönen Traum zunichte. Aus der Barschel-Affäre wucherte 1993 der Wurmfortsatz der Schubladen-Affäre, in der es um Schmiergeld aus einer Kieler Küchenschublade ging. Engholm, das musste er jetzt zugeben, hatte früher als stets behauptet von Barschels Machenschaften gewusst. Eine Peinlichkeit, die jeder gewöhnliche Politiker ausgesessen hätte, ihn aber unter seinen selbst errichteten Maßstäben in Wanken brachte. Glaubwürdigkeit und Integrität, sein viel beschworenes politisches Kapital, schmolzen dahin, und aus der Engholm-Fantasie wurde das Engholm-Dilemma: Weitermachen hieße, seinen moralischen Anspruch zu verleugnen; aufgeben hieße, die Hoffnung auf den neuen Politikstil gleich wieder zu begraben. Viele Enttäuschte sahen ihn auf der Flucht, beinahe wie erleichtert, als er seinen Rücktritt von sämtlichen Posten erklärte. Als Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender, als Kanzlerkandidat und ersehnter Philosophenkönig. Es blieb Kohl, es kamen Scharping und Schröder.

Wie immer bei einem intensiven wie kurzlebigen Leuchten fragte man sich hinterher, ob es wirklich da gewesen war, und was es zu bedeuten hatte.

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