Die Partei der Wiedergänger

Der Mann am Rednerpult hat seinen Meister nicht vergessen. Kerzengerade steht er da, der hochgereckte Zeigefinger zerschneidet die Luft. Die hageren Gesichtszügen zeugen von Kampf und Entbehrung. Seine Augen in tiefen Höhlen scheinen etwas am Himmel zu beschwören. Man könnte ihn glatt für Goebbels halten, trüge er nicht einen Zivilanzug und wäre der NS-Propagandist da nicht schon Jahre tot.

Otto Remer hieß der Mann, der in der neu gegründeten Bundesrepublik Wahlkampf für die rechtsextreme Sozialistische Reichspartei (SRP) machte. Der Major Remer hatte am 20. Juli 1944 als Kommandeur eines Wachbataillons in Berlin den Stauffenberg-Putsch niedergeschlagen. Seither war er ein Nazi-Held, vom Führer befördert und von der Wochenschau inszeniert.

Er und die Männer von der SRP hetzten Anfang der 50er offen gegen die Demokratie. Sie wollten ihr Hitler-Reich zurück, den Nationalsozialismus wieder einführen, mit den „Landesverrätern des 20. Juli“ abrechnen und die „Lösung der Judenfrage“ vorantreiben. Damit traten sie nur sechs Jahre nach dem Untergang an zum Siegeszug. Bei der niedersächsischen Landtags-Wahl 1951 eroberten sie 16 Sitze, womit jeder zehnte Abgeordnete in Niedersachsen ein Rechtsextremer war. Kurz darauf saßen sie in der Bremer Bürgerschaft.

Zögerlich bemühte sich die Bundesregierung um ein Parteienverbot, den Prozess aber machte ihnen der noch unbekannte Staatsanwalt Fritz Bauer. Er setzte Remer wegen Verunglimpfung der Widerstandskämpfer auf die Anklagebank, und mit ihm das ganze Regime. Remer bekam drei Monate, floh nach Ägypten, und die SRP wurde vom Bundesverfassungsgericht verboten. Der Remer-Prozess war ein fataler Schlag für die extreme Rechte, von der sie sich kaum erholte.

Die Wiedergänger der SRP sind in der Versenkung verschwunden. Wer sich heute auf die Suche begibt, stößt im Netz auf ein gelbstichiges Interview mit dem steinalten Otto Remer in einem Ohrensessel vor beschaulicher Wohnkulisse. Im Vereinigungsjahr 1990, als die braunen Helden bei ihren Nachfahren in Hochkonjunktur standen, ließ er sich als Reichsretter vom 20. Juli befragen. Nach wenigen Sätzen wendet sich dort Remer, der einstige Wochenschau-Star, weg vom Stichwortgeber und hin zur Kamera. Er blickt uns direkt ins Auge, voll Zorn und Herausforderung, während seine Handkante im Rhythmus der Worte die Luft zerschneidet: „In dieser Zeit bin ich überzeugter nationaler Sozialist geworden und bin es bis zum heutigen Tage geblieben!“ Für einen Moment steht die Zeit still, und das vergangene Jahrhundert wirkt sehr fern und fremd.

Die traurige Großmacht

In seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ zeichnet Robert Menasse die EU als schwer fassbare und doch sehr reale Weltmaschine. Diese saugt unentwegt Menschen aus ihren Mitgliedsländern an und übersetzt deren vielsprachige Verhandlungen und Ideen in Verordnungen. Eine Maschine, die rattert und stockt und blinkt und schillert, ohne dass sich ein Anfang oder Ende so recht erkennen lassen. Die Hauptstadt Brüssel ist ihr Inbegriff.

Schon einmal war Brüssel die Hauptstadt eines amorphen wie rätselhaften Großreiches. Damit meine ich nicht den Staat Belgien, wo es eine eher eigentümliche Rolle spielt. Nein, sondern Brüssel als Zentrum des Burgunderreiches im Spätmittelalter. Die Herzöge von Burgund mit ihren schönen Beinamen wie „Ohnefurcht“, „der Gute“ oder „der Kühne“ fügten in nur drei Generationen ihrem Stammland ein Territorium nach dem anderen hinzu, wobei ihnen jedes Mittel von Erbschaft, Heirat und Kauf bis Eroberung recht war. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht beherrschten sie Teile von heute niederländischem, belgischem, französischem und luxemburgischem Staatsgebiet, von der Nordsee bis zu den Alpen.

Brüssels Hauptstadtkarriere begann mit diesem Burgunderreich, in dem die Untertanen je nach Region Französisch, Flämisch, Niederländisch oder Deutsch sprachen. An den Küsten dominierten Fischer, auf dem Lande Bauern und in den Städten die Kaufleute. Ein Reich mit vielen rivalisierenden Interessen, ohne Identität und Geschichte, heterogen und widersprüchlich und trotzdem oder grade deshalb eine wirtschaftliche Macht mit kultureller Strahlkraft. Als größte Innovation der Burgunder – und das mit Brüssel als Zentrum! – gilt ihre fortschrittliche Verwaltung.

Die Geschichte Burgunds war Thema meiner Examensklausur an der Kölner Universität. Gut vorbereitet stürzte ich mich in den Aufsatz, indem ich Seite auf Seite füllte, zu Erbfolge und Diplomatie, Hofkultur und Bürokratie. Aber je mehr ich schrieb, desto deutlicher spürte ich, wie mir die Fäden aus der Hand glitten. Die Herzöge waren mir immer sympathisch und ihr Patchworkreich als EU-Bürger vorbildhaft vorgekommen, aber das waren kaum wissenschaftliche Kategorien. Ihre historische Bedeutung blieb mir verschlossen, das erkannte ich jetzt, wo ich trockenen Mundes in der Prüfung saß.

Nach vier quälenden Stunden ließ ich Karl den Kühnen 1477 mit der modernsten Armee des damaligen Europa in einem Schneesturm gegen die Schweizer „Gewalthaufen“ vor Nancy untergehen. Das war effektvoll und auch nicht falsch, aber kein sonderlich analytischer Schluss. Auch wenn mich mein Professor diese Burgunder-Prüfung bestehen ließ, hat ihn der Haufen vollgekritzelten Papiers wenig überzeugt. Er urteilte kühl, dass ich zwar vieles gewusst und aufgezählt hätte, mir jedoch keine historische Synthese gelungen wäre. Er hätte auch sagen können: Der Kandidat ist am Burgunderreich gescheitert, so wie das Burgunderreich an sich selbst.

Mit dem Tod Karls des Kühnen ohne männliche Nachkommen war das Haus der Burgunder ausgestorben und ihr kurzlebiges Reich verloschen. Im europäischen Gedächtnis hat es kaum Spuren hinterlassen. Karls Wappenspruch „Ich habe es gewagt“ bekommt in diesem Licht einen eigenartig melancholischen Beiklang.

Die Engholm-Illusion

Aus Anlass von Helmut Kohls Tod stellte ich mir die Frage, wie wohl die 90er Jahre ohne die Schubladenaffäre verlaufen wären. Dann hätte Björn Engholm seinen Platz im Kanzleramt einnehmen können. Stil, Stimmung und Hauptfiguren des Jahrzehnts wären gänzlich andere gewesen. So hat man damals gehofft, denn Engholm war nicht nur bei uns Geschichtsstudenten umflort von der Aura eines Philosophenkönigs.

Für den kohlverdrossenen Teil der Deutschen war das eine außerordentliche Perspektive. Das lag nicht nur daran, dass Engholm gar nicht wie ein Politiker, sondern wie ein Denker und Kulturmensch, ein „politischer Flaneur“ daher kam. Optisch gewann er das Publikum mit vornehmen Gesichtszügen (den Kopf nachdenklich schräg gelegt), akustisch mit wohlgesetzten norddeutschen Dehnungsvokalen. So einer wohnte natürlich mit drei Frauen in einer Kieler Villen-Etage (Ehefrau und zwei Töchter), winzerte im eigenen Weinberg im Rheingau, zitierte Kant und Äsop, während er versonnen an seiner Bruyereholzpfeife sog. Ich stellte ihn mir gerne vor, wie er beim Schimmer des Cognac-Glases, über die Seiten einer historisch-kritischen Buddenbrooks-Ausgabe gebeugt, in leiser Wehmut sich selbst wieder erkannte.

Dem Gewerkschaftsmief seiner sozialdemokratischen Partei setzte Engholm einen Willen zu Stil und Form und die Freiheit zu Lebens- und Kulturgenuss entgegen. Er strahlte umso mehr, da die Welt um ihn herum zuvor im stinkenden Morast versackt war. Die Barschel-Affäre von 1987 übertraf alles, was die Bundesrepublik bis dahin an Machtmissbrauch in höchsten Ämtern erlebt hatte. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel wurde Opfer seiner eigenen Intrigen gegen Engholm, bis er in einer Genfer Badewanne ein ewig ungeklärtes Ende fand. Aus diesem Schurkenstück trat Björn Engholm ins Licht, schön und unschuldig, und forderte, die Regierenden hätten Beispiel und Vorbild zu sein. Wem wollte man das glauben, wenn nicht ihm, dem Kanzlerkandidaten der Herzen?

Aber dann machte er selbst den schönen Traum zunichte. Aus der Barschel-Affäre wucherte 1993 der Wurmfortsatz der Schubladen-Affäre, in der es um Schmiergeld aus einer Kieler Küchenschublade ging. Engholm, das musste er jetzt zugeben, hatte früher als stets behauptet von Barschels Machenschaften gewusst. Eine Peinlichkeit, die jeder gewöhnliche Politiker ausgesessen hätte, ihn aber unter seinen selbst errichteten Maßstäben in Wanken brachte. Glaubwürdigkeit und Integrität, sein viel beschworenes politisches Kapital, schmolzen dahin, und aus der Engholm-Fantasie wurde das Engholm-Dilemma: Weitermachen hieße, seinen moralischen Anspruch zu verleugnen; aufgeben hieße, die Hoffnung auf den neuen Politikstil gleich wieder zu begraben. Viele Enttäuschte sahen ihn auf der Flucht, beinahe wie erleichtert, als er seinen Rücktritt von sämtlichen Posten erklärte. Als Ministerpräsident und SPD-Vorsitzender, als Kanzlerkandidat und ersehnter Philosophenkönig. Es blieb Kohl, es kamen Scharping und Schröder.

Wie immer bei einem intensiven wie kurzlebigen Leuchten fragte man sich hinterher, ob es wirklich da gewesen war, und was es zu bedeuten hatte.